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Stakkato Szene eines Saisontages



 

Es folgt eine etwas andere Alltagsblaupause eines

„ganz normalen Tages“ im Februar. Mitten in der Hochsaison.


Ich habe irgendwann vor einem Monat angefangen den neuen Blogbeitrag für unsere Webseite zu schreiben. Über die Verwendung von kurzen Stichpunkten bin ich bis jetzt nie hinaus gekommen: keine Zeit. Als ich mir den Beitrag heute vorgenommen habe war ich der Meinung: why not? Warum nicht zeigen, wie es ist. Das unvollendete Schriftstück als Abbild des gelebten Alltages. Mal etwas Anderes. Vielleicht habt ihr Spass daran. Schrift-Kunst, oder so …

(Und versprochen: im nächsten Beitrag gibt es dann wieder ausformulierte Sätze und Gedanken. Die Saison neigt sich dem Ende und ab April – mit dem Beginn der nachtlosen Nächte – kommt dann auch wieder die Zeit zumSchreiben). Hier also das unbearbeitete, unvollständige, Gedanken-Skript als Grundlage für den eigentlichen Blogbeitrag, der nie zu Stande kam. Enjoy! __________________________________________________________

Freitag-Morgen, 04:50 Uhr, das Kind wird wach, wälzt sich unruhig umher. Nach einer halben Kuschelstunde ist es wieder in den Schlaf gesunken. Die Lichterkette über meinem Kopf schaukelt leicht hin und her, wenn ich mit dem Fuss dagegen stupse. Ich hatte gehofft das Schaukeln hätte den gleichen hypnotisierenden Effekt auf mich. Nach weiteren 10 Minuten anstarren des Laternen förmigen Plastikgehäuses rolle ich mich weg vom Kind und krieche unter der Bettdecke hervor. Am Fußende des Bettes steht ein großer, karierter Ohrensessel mit Schemel – als Stillsessel gedacht, zum Wäschesessel mutiert. Ich krame, aus dem leblosen Haufen achtlos dahin geworfener Kleider, die lange Wollunterwäsche hervor und schlüpfe im Halbdunkeln hinein. Ein letzter Blick auf das schlafende Kind und den schlafenden Mann. Markus hat sich die halbe Nacht um die Ohren geschlagen, damit ich meinen Schlaf finden konnte. Dafür decke ich die frühen Morgenstunden ab, unser Versuch dass Beide so lange schlafen können, wie es geht. Wir sind ein Team, versuchen es zu sein. Immer wieder von Vorne in jedem Bereich unseres auf Camp-Grösse geschrumpften Lebens. Ich steige vorsichtig die Holztreppe hinab


Trete in Erbrochenes. Hunde raus, Teppich raus. Socke ab.

Licht an – Glühbirne ist gewechselt. Kein kaltes Neonlicht mehr, dass die Augen verätzt– danke Pepi.

Gehe mit nacktem Fuss hinaus bei -25.

Schöner Himmel.

Karhu blefft am Zaun – ein neuer Hund ist eingezogen. Kurzfristig. Von Kettenfarm. Mehr dazu später.

Rufe scharf aber leise Karhu zur Ordnung, damit die Gäste schlafen können

Alle Hunde tummeln sich zurück ins Haus.

Boden schrubben.

Noch vor dem Gang zur Toilette rieche ich nach saurem Essigreiniger und Erbrochenem

Kaffeemaschine: Pulver ist schon drin. Nur Schalter drücken: danke Markus!

Ziehe Arbeitskleidung an, kämme Haare.

Latzhose riecht nach Hundefutter, steht vor Fleischfett.

Ab in die Wäsche, Wäscheberge stapeln sich.

Treppe hoch ins Büro, flackerndes Licht, schöner Ausblick aus dem Fenster.

Mails fahren hoch: missmutige Mail eines Gastes, dem wir leider aus Kapazitätsgründen absagen mussten. Ich versuche zu glätten, schreibe freundlich zurück, erster Schluck Kaffee.

Während alle Dokumente laden, Blick aufs Handy: Finnischer Prime-Minister beuscht Ukraine.

Präsident hat ein Reel gepostet. Über den Kreg. Zum Jahrestag. WTF? Musik, Bilder, Effekt: Tränen

Ich scrolle weiter:

nach 150 tagen Baby befreit, lebt noch.

Scrolle: Iranerinnen kämpfen um leben und Tod. Hinrichtungen aller gegen das Regime.

Scrolle weiter: Hund an ein Auto angebunden, leblos hängt die Leine am Auspuff, Körper wird über den Zement geschliffen.

Scrolle weiter: Menschen protestieren vor riesigen Maschinen im Kohleabbau-Gebiet, um Lebensgrundlage zu erhalten.

scrolle weiter: Bundeskanzler in feinem Anzug auf irgendeinem Event. Nichts. Schweigen.

Scrolle weiter: Jäger bei Treibjagd, angeschossenes und stark verletztes, leidendes, Schmerzen empfindendes Junges in Panik. Wird ignoriert, nicht erlöst. Scrolle weiter: Lese Kommentar unter einem Video über einen Stau: „Stirb! Irgendwann wird es uns zu viel und dann werden wir euch an den Haaren schleifen, scheiss egal ob euer Gesicht am Boden klebt“ - zu einem 14 jährigen Mädchen.


Aus. Das reicht. Handy in die Ecke geworfen. Wieder Fokus auf Mails. Buchhaltung – dringend einreichen. Am Besten gestern.

Hunde heulen, ich renne runter, dann raus. Der neue Hund weint, will zur Gruppe. Bis ich alle beruhigt habe sind fünf Minuten vergangen. Es ist kalt, die Sonne kratzt am Horizont, gleich spüre ich sie im Gesicht. Guten Morgen Opa. Trauerverarbeitung ohne Zeit. Handy vibriert: Erinnerung heute Tierarzttermin.

Mittlerweile ist es 07:00

Ich gehe rein, Aaro wach. 07:30 Stirnlampen kommen zum Haus gewackelt. Arbeitsbeginn. Hunde machen, Tiere versorgen.

Dann Ausfahrt Tagestour für Gäste vorbereiten (Markus heute Guide, ich Hintergrund). Währenddessen Abreisen der Wochengäste, Putzen, Tierarzt, schreiendes Kind beim Tierarztbesuch (trotz Hilfe eines guten Freundes als Begleitung mit 3 Hunden zum Tierarzt)

Zwischendurch Mails checken auf dem Handy: Absage Kanutour. Kein Interesse am Sommer. Dämpfer.

Nach Hause. Gäste kreuzen den Weg mit Gespannen, Hund verspringt, ich steige aus dem Auto um zu helfen. Folge: Aaro wird wach, schreit weil übermüdet.

Zuhause: Kaffee, Tee, Pfannkuchen für Gäste parat machen und Mittag für Aaro, Moni und Markus.

Schnell essen für Aaro. Dann wieder zum Tierarzt. Hund nach OP abholen. Nach hause. Mittlerweile 10 Stunden wach. Gäste wechsel: Markus fährt zum zweiten Mal raus mit neuer Tagestour. Neue Wochentouren-Gäste schicken Ankunftszeit: heute! Fuck – Termin verwechselt. Im Struggle untergegangen. Also alles vorbereiten. Abendessen kochen. Markus kommt zurück: direkter Schlagabtausch. Markus nimmt Aaro, ich bringe die abreisenden Gäste zum Flughafen. Dann ersten Teil der Hunde füttern nach Rückkehr. Dann Markus: neue Gäste vom Flughafen abholen. Dann essen servieren. Dann restliche Hunde füttern. Um 20:30 fühlt es sich an wie Mitternacht. Zwischendurch: scheisse, meine Nichte hatte heute Geburtstag. Privates wird in der Saison immer voll vergessen.

Aaro schläft ein. Satt und zufrieden. Was war das bitte für ein Tag? 21:30 Uhr nochmals Mails gecheckt und dann in Arbeitskleidern auf dem Sessel eingeschlafen. So nicht. Nein, so sicher nicht. Wenn schon so, dann für mehr Sinn. Oder Tequila.

______________________________________________________ Ich hoffe ihr wurdet schlau aus den aneinander gereihten Wortfetzen und konntet einen Tag im Schnelldurchlauf miterleben. An dieser Stelle (da ihre Zeit sich hier leider dem Ende nähert):

DANKE an Moni und Pepi für die fantastische Arbeit und so viel mehr. Für das Ausbalancieren zwischen Privatem und Beruflichem. Denn wie an diesem seltsamen Sprachstakkato erkennbar wird: das Leben im Camp ist immer und überall. Und Monis und Pepis sanfte, empahtische und gleichzeitig anpackende Art wird fehlen. Sehr!

Danke euch von Herzen für die wundervolle Saison mit euch! Wir wünschen euch alles Glück der Welt für die Zukunft und sind gespannt, wo SimplyNorr am Ende die Zelte aufschlägt. Wir sehen uns dann spätestens im Sommer 2024, wenn Alaska ruft ;)


Egal wie stressig die Momente auch sind, wie oft uns Probleme vor Improvisationstalent stellen. Markus & ich lieben das Leben im Norden und sind dankbar, hier sein zu dürfen. Wir versuchen euch immer einen authentischen Blick in das Leben zu geben.

Und auch wenn uns manchmal nicht danach ist: Lachen hilft!

Wofür sonst sind wir auf dieser Welt? Also heute das Lachen nicht vergessen! Passt auf euch auf da draussen. Bis zum nächsten Mal.

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