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Der Preis der Bucket-List: "Einmal Schlitten-Fahren to go"

Ende November verschwand sie zum letzten Mal hinter der Linie des Horizonts. Fast fällt es mir leicht zu glauben, dass wir auf einer Scheibe leben und wenn ich meinen Kopf nur wenige Zentimeter zu weit an den Rand heranstrecke, würde sein Gewicht mich in die Tiefe reissen. Hin zu der Stelle, an der die Sonne untertauchte. Doch unser Planet ist keine Scheibe. Und in wenigen Tagen wird die Sonne wiederkehren. Wir werden unsere Hälse voller Aufregung dem Ereignis fünf-minütigen Sonnenlichtes entgegen winden und die Wärme des flammenden Feuerballs geniessen. Nach der Saisoneröffnung Mitte November folgte sogleich die Hochsaison. Aktuell atmen wir kurz durch. Ein, zwei Atemzüge. Anfang des Jahres waren wir waren alle krank aber so langsam kehren Puls und Leben zurück. Harrt man auf so engem Raum zusammen aus, zwischen Schneekalten Zehenspitzen, mit vor Anstrengung schwitzenden Körpern unter dicker Wollkleidung und vom Rauch des Lagerfeuers gefüllten Lungen, trägt das nicht unbedingt zu einer raschen Genesung bei. Alles hat zwei Seiten – und dieser Blog ist wohl die Gegenseite zur schön anzusehenden Instagram Welt. Wir nehmen uns hier Zeit die Dinge zu zeigen, für die sonst keine Zeit bleibt. Und heute, heute möchten wir eine Geschichte erzählen. Hörst du zu?

 

Spulen wir einige Wochen zurück an den Beginn der Polarnacht und gehen auf eine Huskyfarm, irgendwo in Lappland. Sie hat keinen Namen, keine Eigen-Werbung oder Direkt-Kundenkontakt. Es ist ein Zulieferer für ein grosses Reiseunternehmen, dass Touristen in Scharen bringt. Sagen wir, am 1. Weihnachtsfeiertag generierte dieses Camp 650 Tages-Gäste.

Was das bedeutet ist klar – Umsatz. Eine Menge. Im Verhältnis zum Aufwand, der relativ gering ist: Hundefutter natürlich. Ansonsten die einmaligen Investitionskosten für eine 1,50 Meter Stahlkette (pro Hund Eine. Insgesamt 210 Ketten also.) Hinzu kommen 210 hölzerne Hundehütten, die jeweils mit Stroh ausgekleidet sind. Aufgerechnet das Hundefutter, Personal- und monatliche Fixkosten wie Strom. Thats it. Man braucht kein studierter Geist in Betriebswirtschaftslehre sein um zu kalkulieren, dass dieses Modell bei einem Erlebnispreis von 145 € pro Person (für 1,5 Stunden, davon 15 Minuten auf dem Schlitten) und Tagesgästen in Anzahl von 650 Personen, ein äusserst lukratives Geschäft ist.

Leider zu lukrativ und von den Menschen in der Geschäftsleitung einer Tourismusfirma, die zwischen Powerpoint-Folien und runden Konferenztischen leben – jedoch selten bis nie auf einer solcher Farmen waren – bis zur Perfektion auskalkuliert. Ich wünsche mir an dieser Stelle, die Verantwortlichen würden an einem normalen Wintertag mit leichtem Wind und Minus 20 Grad am Abend, sagen wir gegen 19:30 Uhr, auf eine solche Farm gehen. Dort stehen, schön eingekleidet um dem eisigen Wind nicht schutzlos ausgeliefert zu sein und würden sich in die Mitte des grossen zugeschneiten Kiesplatzes stellen (denn es sind meistens Kiesplätze). Und würden warten. Einige Minuten. Und lauschen und beobachten.

Wie die Hunde, gierig auf Kontakt zu was auch immer sich dort bewegt aus ihren Hütten kommen, sich strecken, die Schwänze wedeln und ins Laufen geraten. Geradewegs auf dich zu. Dann gibt es einen kurzen Ruck – nach 1,50 Meter – die Kette ist zu Ende. Sie können dich nicht erreichen, ihren Kopf nicht in deine Hand schmiegen. Also laufen sie nach rechts, oder nach links. Und laufen im Kreis. Eine Pfote vor die Andere setzend und dem eingetretenen Pfad folgend, welchen sie in den letzten 4 Jahren tagein, tagaus gelaufen sind – in 3 Meter Durchmesser. Du gehst nicht zu ihnen, also werden sie unruhig. Sie laufen schneller, vielleicht springen sie in die Kette, es ruckt am Halsband. Sie wollen zu dir. Du bewegst dich immer noch nicht, also bellen sie. Sie werden laut. Wecken die anderen Hunde in den Hütten daneben. Die strecken ihren Kopf ebenfalls hinaus. Hunde, die schon zu lange hier sind, heben nur müde ihre Schnauze aus der kreisrunden Öffnung der Hütte und stecken sie dann resigniert unter ihren Schwanz. Doch der Neue, der neue junge Hund springt auf und ab und seine Kette klappert dabei so schön. Ein Jahr ist er auf der Welt – hier geboren mit seinen Geschwistern. Bis er alt genug war um zu raufen. Dann bezog auch er seine Hütte. Seine Geschwister irgendwo verteilt unter den anderen 258 Hunden. Sie alle bekamen eine glänzende Kette und eine Hütte.


Die Schnauzen können sich nicht berühren, auch wenn sie sich nach dem Füttern so gerne gegenseitig putzen würden. Die Pfoten, hochgestreckt um sie als Spielaufforderung auf den Rücken des Bruders zu legen, reichen nicht bis zum Fell an der gegenüberliegenden Kette. Einmal im Kreis laufen, zweimal, dreimal, viermal. Ganz oft bis er begriffen hat, dass es einfach nicht geht. Kein Körperkontakt mehr zu Mama oder den Geschwistern. Kein Raufen, kein Spiel. Kein Aufstehen um Pinkeln zu gehen, wo er möchte. Es bleibt nur der 3 Meter Durchmesser um sein Geschäft zu erledigen. Da dies dem Wunsch nach Kommunikation und so sehnlich gewünschtem Austausch am Nächsten kommt, versucht er in den Kreis des Nachbarn zu pissen. Oder an seine Hütte, in der er schläft und frisst. Jetzt im Winter riecht es nicht – oder weniger – denn der Urin ist gelb an den Wänden der Hütten gefroren und bietet eine weitere Isolationsschicht zum Schlafen.

Der Wind nimmt zu und fegt durch die Ritzen der Hütten. Der junge Hund hat begriffen, dass du nicht zu ihm kommen wirst, doch er gibt nicht auf. Er weiss, dass wenn er nur weit genug läuft oder hoch genug springt, dann wirst du kommen. Und seinen Kopf berühren, seinen Rücken streicheln, seinen Bauch kraulen. Doch du kommst nicht. Der Wind wird stärker und der letzte sehnliche Wille nach Kontakt erlischt mit ihm. Er zieht sich zurück, rollt sich ein um seine Körperwärme zu halten. Er weiss nicht, dass er aufgrund seiner Laufleistung gezüchtet wurde und dass sein ursprüngliches Sibirisches Fell darunter gelitten hat. Er weiß nur, dass es etwas zieht an der Seite, an der der Urin nicht hoch gefroren ist.


Du drehst dich um und gehst. Bevor du in dein mit Standheizung vorgewärmtes Auto steigst und zurück ins Büro fährst, erregt Etwas deine Aufmerksamkeit. Als du begreifst, was dort passiert kommt Leben in deine Augen und du vibrierst vor Aufregung. Schnell greifst du zu deinem Telefon auf dem Beifahrersitz und stellst den Nachtmodus ein. Du richtest die Kamera auf den Himmel über den Ketten. Er erstrahlt in grünen Farben – die Nordlichter tanzen so atemberaubend schön, dass der Moment dir die Sprache verschlägt. Die Hunde merken dass du gehst, zum Abschied gibt es einen gemeinschaftlichen Chor aus heulender Schönheit. Schnell machst du ein Video und freust dich, dass sich der Besuch hier her doch gelohnt hat. „Wenn das keine Likes gibt“ murmelst du, während du die Autotür zuschlägst und gleichzeitig das Video der Huskys, die die Nordlichter anheulen in der Story hochlädst. Du legst den ersten Gang ein, die anfahrenden Reifen knirschen unter dem Schnee. Die Scheinwerfer werden in der Ferne immer kleiner. Der junge Hunde hat seine Schnauze auf dem Rand des Hütteneingangs abgelegt und schaut den beiden, sich entfernenden Lichtkegeln nach. Er schnauft. Dann schläft er ein.

 

Ja, das ist plakativ. Nein, es sind NICHT Alle so.

Wir haben wundervolle Menschen kennengelernt, die Tourismus im größeren Stil betreiben, als wir es tun und die ihr Herz und ihre Leidenschaft für Hunde bewahren. Auch viele, die keinen eigenen Namen haben, als Kennel-Manager eingestellt sind von einer solchen großen Firma aus dem Massentourismus und es trotzdem gut machen. Auch die Leiter des Camps, was ich oben als Beispiel für so viele Andere beschrieben habe, geben ihr Bestes um den Hunden gerecht zu werden. Es gibt nur eine Instanz, die ich offiziell an dieser Stelle bemängele: die Politik. Gesetze und Richtlinien müssen her. Vorgaben und Kontrollen zum Schutz der Tiere und zur nachhaltigen Betreibung des Tourismus mit Lebewesen. Die menschliche Gier ist unendlich und es wird immer einige Charaktere geben, die sich am Leid von Anderen bereichern möchten. Doch es gibt so viel mehr Menschen da draußen, die beginnen all das zu hinterfragen. Die etwas ändern möchten. Daran glauben wir und darauf bauen wir. Was also tun, wenn die Politik in ihren müde gewordenen Mühlen nur sehr langsam mahlt?

Wir würden uns wünschen, gemeinsam mit den Anderen eine Art Label ins Leben zu rufen. Ein Label, das unabhängig von der Langsamkeit der Politik in ganz Skandinavien agiert. Und den Schutz von Tieren und hohe Qualitätsansprüche gewährleistet.


Vielleicht schaffen wir es gemeinsam zumindest in diesem Bereich die Welt zu einer Besseren machen. Du bist auch in der Schlittenhunde-Industrie aktiv und fühlst dich angesprochen? Wir freuen uns von dir zu hören :)




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